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Social Freezing: Doktorarbeit zur gesellschaftlichen Wahrnehmung des Themas

08. September 2017


Hallo Frau Feiler, Sie schreiben Ihre Doktorarbeit über die gesellschaftliche Wahrnehmung von Social Freezing. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Hinter dem Begriff Social Freezing steckt ein medizinisches Verfahren, welches eine große öffentliche Debatte ausgelöst hat. Das Thema beinhaltet Diskussionen über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Emanzipation, über den Geburtenrückgang, das Altern der Gesellschaft und weitere Debatten über den demographischen Wandel. Dies ist der Grund, warum dieses an sich medizinische Thema meines Erachtens gesellschaftlich relevant ist. Was sagt dies über unsere Gesellschaft aus? Wer oder was bestimmt die Sichtweisen der Gesellschaft auf Social Freezing? Diese Fragen möchte ich gerne zumindest ein Stück weit beantworten.

Das medizinische Verfahren hinter Social Freezing ist seit vielen Jahren bekannt, jedoch hat man erst jetzt das Gefühl, dass das Thema in der breiten, öffentlichen Wahrnehmung angekommen ist. Teilen Sie diesen Eindruck?

Das Verfahren wird seit vielen Jahren eingesetzt, anfangs hauptsächlich bei Krebspatienten und - patientinnen. In diesen Fällen geht es darum, dass vor Beginn einer Chemotherapie Eizellen, Spermien oder Gewebe eingefroren werden, um nach erfolgreicher Behandlung der Krebserkrankung einen eigenen Kinderwunsch erfüllen zu können.

Seit dem Jahr 2013 jedoch ist eine deutliche Zunahme der Bekanntheit von Social Freezing in Deutschland auch außerhalb dieses Einsatzbereiches erkennbar. Auslöser war vermutlich im Jahr 2012 die Einstufung der Kryokonservierung, also des Einfrierens und der Lagerung von unbefruchteten Eizellen, als nicht-experimentelle Behandlung durch die American Society of Reproductive Medicine in den USA. Dies führte neben einer großen Diskussion zu einer weiteren Verbreitung der Methode, auch in Deutschland.


>> In Deutschland nimmt man oftmals bei der Diskussion um Social Freezing die Unterteilung in „medizinisch: potenziell notwendig“ und „sozial: potenziell freiwillig“ vor <<

Wenn das Verfahren seinen Ursprung in den USA hat, wieso ist es dann dort unter dem Namen Egg Freezing bekannt, während man in Deutschland den Begriff Social Freezing verwendet?

Im Deutschen gelten englischsprachige Begriffe für Sachverhalte generell als modern und innovativ. Daher überrascht es nicht, dass dieser neue Aspekt des Verfahrens in Deutschland einen englischen Begriff erhalten hat, der so im englischsprachigen Raum nicht geläufig ist. Vor allem interessant ist hier das Wort „Social“. Die Wahl dieses Begriffes wird oft darin begründet, dass das Motiv für das Einfrieren von Eizellen oder Spermien einen „sozialen“ und somit automatisch keinen medizinischen Hintergrund hat. Demnach wird hier eine Trennung zwischen „potenziell notwendig“ und „potenziell freiwillig“ vollzogen.

Entscheidet sich beispielsweise eine Person für das Einfrieren ihrer oder seiner Eizellen oder Spermien aufgrund fachärztlichen Rates und innerhalb eines medizinischen Heilungsprozesses, ist dies gesellschaftlich voll anerkannt. Haben die Gründe hierfür jedoch auf den ersten Blick nichts mit Gesundheit oder Krankheit zu tun, sieht es schon ganz anders aus. Menschen tendieren dann dazu, die Legitimität des Einfrierens abzuerkennen. Technologisch steckt jedoch exakt die gleiche Vorgehensweise dahinter.

>> Bei der Debatte um Social Freezing geht es oft um die Frage, wie weit in die Natur eingegriffen werden darf <<

Und wer ist aus Ihrer Sicht für die Unterteilung in medizinisch sinnvoll und sozial „nicht notwendig“ innerhalb der gesellschaftlichen Wahrnehmung verantwortlich?

Das ist eine schwierige Frage und nicht eindeutig zu beantworten, aber aus meiner Sicht ist ein besonderes Verhältnis zur Natur und die damit verbundene kritische Sichtweise auf Technologie ein wesentliches Element für diese Unterscheidung. Die Debatte um Social Freezing dreht sich oft um die Akzeptanz von Technologie und ist in ihrer Argumentation nicht neu. So geht es in solchen Diskussionen immer auch um Grenzverschiebungen des Möglichen und der Frage danach, wie weit technologische Eingriffe gehen dürfen. Dies lässt sich sehr gut an folgendem Beispiel nachvollziehen: Als im Jahr 2014 die Unternehmen Facebook und Apple ihren Mitarbeiterinnen in den USA kostenlos Social Freezing angeboten haben, wurde darüber in Deutschland hitzig diskutiert. So kann die Technologie einerseits zu neuen Freiheiten führen, andererseits aber auch neue Zwänge mit sich bringen.

Dabei ist die Frage, wie weit in die wie auch immer geartete ‚Natur des Menschen‘ eingegriffen werden darf, typisch für die gesellschaftliche Diskussion. Manche ‚Eingriffe‘ wie beispielsweise eine Betäubung bei einer Wurzelbehandlung am Zahn, um es überspitzt zu formulieren, werden dabei unhinterfragt angenommen und alltäglich praktiziert. Im Gegensatz dazu werden andere ‚Eingriffe‘ stärker in Frage gestellt oder abgelehnt.  Das drückt sich in der Diskussion um Social Freezing im Einwand aus, Frauen könne dadurch eine ‚zu späte‘ Mutterschaft ermöglicht werden. Dass auch ohne Social Freezing das Alter bei der Erstgeburt und die Lebenserwartung steigen, wird dabei selten erwähnt. Hinzu kommen religiöse Fragen sowie Fragen nach etwaigen Nebeneffekten.

>> Die Diskussion um Social Freezing ist mit dem zweifelhaften Vorwurf einer „Risikomutterschaft“ verbunden <<

Stellt demnach die Selbstbestimmung der Frau für Kritiker den Eingriff in die Natur dar?

 Die Einwände lassen sich einerseits zu der Angst vor Risikoschwangerschaften und andererseits zu Ängsten vor ‚später‘ Mutterschaft, sozusagen „Risikomutterschaft“, zusammenfassen. Durch Zweites wird Frauen ihre Fähigkeit abgesprochen, auch jenseits bestimmter Altersgrenzen noch adäquat Kinder bekommen und erziehen zu können. Die Ängste dabei sind sehr interessant, da die Gesellschaft insgesamt älter wird. Warum sollte sich dann nicht auch der Zeitpunkt der Elternschaft nach hinten verschieben? Zu beobachten ist dabei auch, dass es meist nur um späte Mutterschaft, selten um späte Vaterschaft geht. Die Fähigkeit, später Kinder erziehen zu können, wird abgeleitet aus der biologischen Fähigkeit zur Reproduktion, die jedoch auch bei Männern nicht grenzenlos ist.

Zu erkennen ist hier, dass Reproduktion, Kindererziehung und die Problematiken der Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiterhin Themen zu sein scheinen, die eher Frauen zugeschrieben werden. Das spiegelt sehr gut die gesellschaftliche Wahrnehmung des Themas wider.

Es gibt jedoch nicht nur diese kritischen Stimmen, sondern auch welche, die den emanzipatorischen Charakter der Technologie hervorheben und Social Freezing zur nächsten großen Revolution der Reproduktionsmedizin erklären, die Frauen mehr Selbstbestimmung bringt.

Stimmt das Bild der jungen Dame, die in der IT-Branche arbeitet und sich aus Karrieregründen für Social Freezing entscheidet oder wer nimmt üblicherweise das Angebot in Anspruch?

Hier kann ich mich nur auf Statistiken aus Kliniken berufen und das wiederholen, was ich in meinen Gesprächen mit Ärzten und Ärztinnen erfahren habe. Das Bild von jungen Frauen, die sich meist aus Karrieregründen für Social Freezing entscheiden, trifft dabei nicht vollständig zu. Vielmehr handelt es sich um eine bunte Mischung unterschiedlicher Menschen und persönlicher Motive. Darunter ist die Frau Mitte 20, die nach dem Studium in die USA geht, nur ein Beispiel. 

Ist ein tiefgreifender, gesellschaftlicher Wandel bezüglich des Themas erkennbar?

Da es sich um eine neue, gesellschaftliche Debatte handelt, ist der Beobachtungszeitraum recht kurz. Dies macht es schwer, Aussagen zur weiteren Entwicklung der Debatte zu treffen. Jedoch ist schon zu beobachten, dass die Diskussion auf vielen Ebenen kritisch geführt wird. In einer 2016 erschienenen Forsa-Studie der Zeitschrift Eltern zeigten sich 64 % der befragten 18-30-Jährigen jedoch gegenüber Social Freezing aufgeschlossen. Es könnte daher sein, dass die Debatte in der Öffentlichkeit viel aufgeregter geführt wird, als diese Technologie im Alltag von Menschen tatsächlich wahrgenommen wird.

VITA

Julia Feiler hat 2013 ihr Diplom in Soziologie von der LMU München verliehen bekommen und promoviert nun mit einer sozialwissenschaftlichen Arbeit zur gesellschaftlichen Verhandlung von Social Freezing.

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