BMI – warum ist Übergewicht ungünstig?

18. Februar 2020


Übergewicht, Adipositas, BMI

Der Anteil übergewichtiger Menschen in den Industrieländern hat innerhalb der letzten Jahrzehnte epidemische Ausmaße angenommen. Deswegen stellt sich die Adipositas als häufiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hormonassoziierten Krebs, Diabetes mellitus, Arthrose und andere Volkskrankheiten dar. Auch die Fortpflanzungsfähigkeit kann durch starkes Übergewicht eingeschränkt werden.

Der Body-Mass-Index (BMI) ist ein Hilfsmittel zur Bewertung des Körpergewichts in Relation zur Körpergröße. Er wird auch Körpermassezahl bezeichnet und berechnet sich aus dem Quotienten von Körpergewicht in Kilogramm und der Körperlänge in cm zum Quadrat, womit sich die Einheit kg/cm2 ergibt. Übergewicht wird auch als Präadipositas bezeichnet und findet sich bei einem BMI zwischen 26 und 29 kg/cm2. Ab Werten von 30 kg/cm2 spricht man von Fettleibigkeit, auch Adipositas. Das heißt, das Fettgewebe ist für den gesteigerten BMI hauptverursachend.

Es ist erwiesen, dass insbesondere Fettdepots in der Körpermitte (Bauch) und an inneren Organen mit einer Erhöhung von gesundheitlichen Risiken einhergehen, weswegen es weitere Bewertungssysteme gibt, die zum Beispiel den Bauchumfang oder den Taillenumfang in Relation zur Körpergröße betrachten. Der BMI liefert trotzdem gute Hinweise auf mögliche gesundheitliche Risiken.

Fettgewebe

Das Fettgewebe stellt ein Organsystem dar, welches neben der Speicherung von Fetten in Form von Triglyceriden auch als hormonproduzierende Drüse fungiert. Es setzt Adipokinine frei, von denen einige Dutzend bekannt sind. Zu den besonders wichtigen Hormonen zählen das Leptin, Adiponectin, Resistin und interessanterweise auch Botenstoffen, die aus dem Immunsystem bekannt sind, wie z.B. Interleukin 6 und Tumornekrosefaktor-α. Aber auch typische Sexualsteroide wie Östrogene können vom Fettgewebe produziert werden.

Das Fettgewebe ist überlebensnotwendig, denn es reguliert die Aufnahme von Energie und Körpertemperatur, hemmt oder aktiviert Entzündungsreaktionen, greift in Regelkreisläufe anderer Hormonsystem im Gehirn ein und beeinflusst hierdurch Fortpflanzung, Nahrungsaufnahme und Kreislaufregulation. Des Weiteren dient es der Polsterung und somit als Schutz vor Verletzungen.

Aus diesem Grund besteht ein Gleichgewicht zwischen Fettgewebe und anderen Gewebearten, der sogenannte Körperfettanteil. Entsprechende Verschiebungen in einen Mangel oder ein Übermaß beeinträchtigen obengenannte Prozesse des Körpers. So weisen Frauen einen physiologisch höheren Fettanteil als Männer auf, der von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter bei Frauen zunimmt. Aus diesem Grund können sie auch nach den Wechseljahren Östrogene produzieren.

Fettgewebe und Hormone

Übergewicht bzw. Adipositas können mit einer übermäßigen oder gestörten Hormonproduktion einhergehen. Da Fettgewebe auch Östrogene produzieren kann, stören diese den Steuerungskreislauf des Eisprungs durch Veränderung der Ausschüttung von Hormonen der Hirnanhangsdrüse. Dies hat unter anderem die Folge, dass Eizellen nicht mehr vollständig reifen können und sich somit männliche Vorläuferhormone ansammeln, die gleichermaßen die Eizellreifung stören.

Fettgewebe und Zuckerstoffwechsel

Die Regulation des Zuckerspiegels durch das Fettgewebe spielt eine zentrale Rolle. Zucker ist ein Hauptlieferant von Energieträgern und somit überlebensnotwendig für jeden Organismus. Deswegen achtet der Körper darauf, dass der Zuckerspiegel unabhängig vom Angebot konstant bleibt. Insulin und Glukagon aus der Bauchspeicheldrüse sorgen im Zusammenspiel mit Hormonen des Fettgewebes und der Nebenniere hierfür. Insulin wandert mit Zucker in alle Körperzellen, um dort den Energiehaushalt aufrecht zu erhalten. Gehirn und Leber zählen zu den Hauptverbrauchern des Zuckers.

Fettgewebe, Leber und Muskulatur sind im Vergleich zu allen anderen Gewebearten des Körpers tausendfach empfindlicher gegenüber Insulin, wodurch sie an der Steuerung des Zuckerspiegels direkt beteiligt sind. Das Gehirn ist wiederum unempfindlich für Insulin.

Insulinresistenz und Hormonstörungen

Im Rahmen von Übergewicht kommt es zur vermehrten Bildung von entzündungsfördernden Botenstoffen (Interleukin 1 und 6 und Tumornekrosefaktor-α), die die beschriebene Empfindlichkeit gegenüber Insulin erheblich stören. Dies wird als Insulinresistenz bezeichnet. Dieser Effekt ist im Fettgewebe an den inneren Organen und am Bauch besonders ausgeprägt.

Diese Unempfindlichkeit resultiert in einen überhöhten Zucker- und Insulinspiegel im Blut, der im Eierstock zur massiven Störung der Eizellen- bzw. Follikelreifung führt, wodurch es nicht zum Eisprung kommt. Die nicht reifenden Eibläschen und eine Synthesestörung von Hormonbindenden Proteinen in der Leber führen zur vermehrten Freisetzung männlicher Hormone, die an Zielorganen wie der Haut oder den Haaren entsprechende Wirkungen entfalten können. Da das übermäßige Fettgewebe auch Östrogene produziert, kommt es nicht zu einem Mangel, sondern eher zu einem Überhang gegenüber Progesteron, dieses wird in höherer Konzentration jedoch nur nach einem entsprechenden Eisprung produziert. Aufgrund der beschriebenen Mechanismen kommt es zu einem sich selbsterhaltenden Kreislauf.Die Frauen weisen unregelmäßige Zyklen auf. Die Wahrscheinlichkeit eines spontanen Schwangerschaftseintritts ist deutlich reduziert. Des Weiteren verschlechtert sich der Zuckerstoffwechsel, was zur Entwicklung einer Zuckerkrankheit führt.

Auch Frauen ohne Übergewicht, die an vergleichbaren Störungen der Fruchtbarkeit leiden, können an einer Insulinresistenz leiden. Das Ausmaß ist jedoch im Vergleich zu übergewichtigen Frauen geringer. Hier scheinen vermehrt genetische Störungen vorzuliegen, die im Rahmen des Zucker- und Fettstoffwechsel zur Insulinresistenz beitragen. Die genauen Mechanismen befinden sich aber auch hier noch in der Erforschung.

Maßnahmen

Zur Verbesserung der gestörten Körperfunktionen gilt es das Ungleichgewicht im Zucker- und Hormonstoffwechsel durch Gewichtsreduktion auszugleichen. Die Normalisierung des BMI führt denn zu regelmäßigen Zyklen und steigert somit die Fruchtbarkeit.

Zur Verbesserung der gestörten Körperfunktionen gilt es das Ungleichgewicht im Zucker- und Hormonstoffwechsel durch Gewichtsreduktion auszugleichen. Die Normalisierung des BMI führt denn zu regelmäßigen Zyklen und steigert somit die Fruchtbarkeit.

Da die Entstehung und Aufrechterhaltung von Übergewicht neben sozio-kulturellen Aspekten auch durch hochkomplexe biochemische Regelkreise und epigenetische Effekte bedingt ist, reichen übliche Diäten in der Regel nicht aus, den BMI dauerhaft zu stabilisieren. Es bedarf einer Nahrungsumstellung und Steigerung der körperlichen Aktivität. Dies ist ein Lernprozess und bedarf einiger Zeit (Monate und Jahre).

Die Ernährung setzt sich aus Kohlenhydraten, Eiweißen und Fetten zusammen, wovon alle Energielieferanten sind, aber nur Eiweiße und Fette lebensnotwendige Bausteine liefern können. Für eine Ernährung zur Gewichtsreduktion sollten Fette mit hohem Anteil ungesättigter Fettsäuren gewählt werden. Des Weiteren könnte der tägliche Anteil von Eiweißen gesteigert werden (20 - 30 %), welcher jedoch bei gleichzeitig vorliegender Nierenschwäche nur unter ärztlicher Kontrolle erfolgen darf. Kohlenhydrate mit einem niedrigen glykämischen Index könnten zum Einsatz kommen, was aber kontrovers diskutiert wird. Die Nahrung sollte reich an Ballaststoffen sein und eine hohe Trinkmenge einschließen.

Die Kalorienaufnahme sollte gegenüber der körperlichen Aktivität eine leicht negative Bilanz aufweisen, d.h. mehr verbrauchen als zuführen. Regelmäßiger Ausdauersport, wie zum Beispiel Joggen, Schwimmen oder Fahrradfahren sollten Teil des Alltags werden.

Die Insulinresistenz bei Übergewichtigen lässt sich durch die oben beschriebenen Maßnahmen in der Regel gut beeinflussen. Daneben können aber auch Medikamente eingesetzt werden, die einen positiven Einfluss auf den Insulinspiegel haben. Hierzu zählt Metformin. Es wird erfolgreich bei der medikamentösen Behandlung der Zuckerkrankheit eingesetzt. Es kann bei nachgewiesener Insulinresistenz bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch bzw. Fruchtbarkeitsstörungen eingesetzt werden und verbessert deren Symptomatik.

- Dr. med. Michael Amrani